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Schulbeginn in Bayern

Schulbeginn in Bayern

Alles ist anders

Wie fühlen sich Menschen, wenn sie in einem Land leben, das so ganz anders ist als ihre Heimat? Ein Land, in dem selten laut gelacht wird und fast jeder auf Distanz geht. Ein Land, in dem keine bunten Kleider, Turbane und Kaftane getragen werden, wo sich die Frauen nicht gegenseitig die Haare zu Zöpfen flechten, kein Nachbar mit dem anderen das Gekochte tauscht, das Essen mit Besteck gegessen wird und nicht mit der Hand. Ein Land, in dem sich fast alles in geschlossenen Räumen abspielt und man seine Mitmenschen kaum kennt, nicht weiß, was sie erfreut, bewegt und besorgt.
Maria O.* kommt aus Nigeria. Dort tanzen, lachen, essen und feiern die Menschen auf der Straße miteinander. Alles findet vor den Augen der anderen statt und vor allem miteinander. Das ist das große Geheimnis und die große Sehnsucht der 32 jährigen: das Miteinander. Die Frauen nähen sich schöne Kleider und machen sich hübsch. „Alles ist anders“, sagt die junge Frau mit den lebendigen, großen dunklen Augen, als sie von der Heimat schwärmt. Man spürt ihre Sehnsucht nach Wärme, innerlich und äußerlich, denn in ihrer Heimat werden an Weihnachten 40 Grad Außentemperatur gemessen und man trifft sich- natürlich- auf der Straße. Vor vielen Jahren ist die junge Nigerianerin als Au-pair nach Bayern gekommen und geblieben. Eltern, Geschwister, Onkel, Tanten, Nichten und Neffen sind in Afrika. Sie erzählt, dass ihre Mutter einmal in München zu Besuch war und es trotz der niedlichen Enkelkinder und der Liebe zur Tochter nur 2 Wochen ausgehalten hat. So schnell wie möglich wollte die 60 jährige wieder nach Hause.
„Weihnachten ist super bei uns. Wir nähen uns Kleider, machen uns schön, kochen miteinander, singen und tanzen beim Gottesdienst in der Kirche“. Freunde aus Afrika und ein bisschen dieses afrikanischen Lebensgefühls finden sie und ihre Kinder jeden Sonntag beim Gottesdienst in der kirchlichen Bethel-Gemeinde am Ostbahnhof. Wenn Maria so zauberhaft erzählt, versteht man nicht, warum sie hier im „ kalten“ Deutschland bleibt. Draußen vor dem Caritas-Zentrum Laim/ Sendling nieselt es, kein Sonnenstrahl weit und breit und die Menschen eilen –ohne sich eines Blickes zu würdigen - aneinander vorbei . Die Augen auf den Boden gerichtet, ernste Miene, kein Lächeln auf den Lippen.
Gerne würde Maria wieder in die Heimat zurück, aber ihre Kinder sind alle drei hier geboren und wollen nicht nach Nigeria. Für sie ist dort alles fremd und ganz anders. Sie sind in unserem Kulturkreis groß geworden und finden die Lebendigkeit in Afrika im Urlaub toll, aber nicht in ihrem Alltag. Die beiden Mädchen gehen in die Grundschule und das Nesthäkchen besucht den Kindergarten. Der Vater der Kinder hat sich schon lange aus dem Staub gemacht, nicht einmal das Jugendamt kann seinen Wohnort ausfindig machen. Und so gibt es auch keinen Unterhalt für die kleine Familie.
Bis vor kurzem hat Maria noch in einem Büro gearbeitet. Jetzt ist sie arbeitslos und überlegt mit Sozialpädagogin Angela Jilek, wie es weitergeht. Nachdem Maria perfekt deutsch spricht und gut integriert ist, hat Frau Jilek schon eine Idee. Vielleicht kann sie zumindest einen Minijob im sozialen Bereich vermitteln. Die einmalige Unterstützung durch den erzbischöflichen Fonds für Arbeitslose hat eine akute Notlage vorerst verhindert. Und dann sind da noch die beiden nagelneuen, bunten Schulranzen, die das Caritas-Zentrum Marias Töchtern zum Schulanfang nach den Sommerferien geschenkt hat. Die schwarzen Augen von Bibiana und Madeleine* leuchten, als sie auch noch Federmäppchen, Schlampermapperl, Turnsackerl und Regenhaube auspacken.
173 Schulranzen konnte die Caritas insgesamt an arme Familien im Stadtgebiet austeilen. Das ist ein toller Erfolg für die Aktion „Schulranzenfasten“ der katholischen jungen Gemeinde kjg und der Caritas. Auch Caritas-Direktor Prälat Hans Lindenberger freut sich: „Wir konnten hier einigen Familien den Schulstart finanziell erheblich erleichtern“.
Solange ihre Kinder noch in Schule und Ausbildung sind, will Maria hier in Deutschland bleiben. „Wir haben zwar gute Schulen in Nigeria, aber diese sind teuer“. Bis dahin werden zwar noch einige kalte Herbst- und Wintermonate vergehen, aber danach scheint wieder die Sonne für Maria und sie wird wieder richtig glücklich sein. In Nigeria bei ihrer Familie und ihren Wurzeln.
*Namen zum Schutz der Betroffenen verändert
Marion Müller-Ranetsberger




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